Daniel Knop                                                                                                                  Autor  –  Fachjournalist  –  Naturfotograf                                                                                                             Autoren-Webseite
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ein Lexikon zu schreiben?

Wie kommt man eigentlich auf die Idee,

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Wie kommt man eigentlich auf die Idee, ein Lexikon zu schreiben?


Ich weiß nicht, ob Sie das schon einmal selbst erlebt haben, aber mir ist es vor einigen Jahren passiert. Klingt komisch, ist aber so. Und darum stelle ich mir mitunter die Frage: Wie kommt man eigentlich auf die Idee, ausgerechnet ein Lexikon zu schreiben? Ich will versuchen, eine Antwort zu finden, aber dazu muss ich etwas ausholen.

        Für die Zeitschrift KORALLE, deren Redaktion ich nun im zwanzigsten Jahr leite, ließ ich mir vor vielen Jahren eine Rubrik einfallen, in der komplexe Begriffe aus dem jeweiligen Heft erläutert werden. Worte, die für viele Meeresaquarianer nicht auf Anhieb verständlich sind („Was ist eine ökologische Nische?“), oder Begriffe, hinter denen sich komplexe Sachverhalte verstecken („Was ist eigentlich ein pH-Wert?“), sollten dort leichtverständlich erläutert werden.

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Das kann man doch alles im Internet nachlesen, dachte ich zunächst. Aber recherchieren Sie mal, wie zum Beispiel der Begriff pH-Wert definiert wird. „pH“ steht für „potentia Hydrogenii“ und gibt den negativen dekadischen Logarithmus der Wasserstoffionen-Aktivität wieder. Korrekt, ganz ohne Zweifel, und sicher von einem Chemiker so trefflich formuliert. Aber wenig anschaulich, finde ich.

        Wenn Sie länger suchen, finden Sie auch verständlichere Definitionen. Darstellungen, die zutreffen, keine Frage – mal mehr, mal weniger, wie das im Internet eben so ist. Aber ich fand Gefallen an der Idee, solche Begriffe so zu definieren, dass es für den durchschnittlichen Meerwasseraquarianer – zum Beispiel für mich – verständlich wird. Viele komplexe Inhalte faszinieren und interessieren mich selbst so, dass ich sie so lange recherchiere, bis mir die Zusammenhänge klar sind. Was genau ist zum Beispiel Fluoreszenz, und wie kommt sie zustande? Die Vorgänge bei der Stokes-Verschiebung, die dabei stattfinden, sind ungeheuer spannend! Oder warum hat ein Korallenpolyp die Funktionsprinzipien der Hydraulik verwirklicht? Und wie verhindert er, dass er rund ist wie ein Ballon, was er den Gesetzen der Hydraulik folgend ja eigentlich sein müsste? Warum produziert ein Knallkrebs einen Knall, und warum ist das ein ungewolltes Nebenprodukt, das ihn eigentlich gar nicht interessiert?

        Ich sehe mich als das, was man einen Generalisten nennt. Aber in meinem Fall heißt das nicht, dass ich von allem etwas verstehe, sondern nur, dass ich mich für alles interessiere. Folglich muss ich mich in viele Wissensgebiete regelrecht hineinbohren und Sachverhalte, die für Experten relativ banal sind, systematisch studieren, um sie zu verstehen. Das Ambulakralsystem der Stachelhäuter etwa fasziniert mich ebenso wie die Anatomie einer Seescheide. Oder die genial komplexe Anordnung der Zooxanthellen einer Riesenmuschel in ihrem Körpergewebe. Oder der Fortpflanzungszyklus von Rädertierchen. Oder die Evolution des Auges bei Mensch und Tier. Und so fort ...

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Schon kurz nach dem Start in die oben erwähnte Zeitschriftenrubrik, die unbekannte Begriffe erläutern sollte, bekam ich dann die Idee, dieses Material später irgendwann einmal zu einem Buch zusammenzustellen, zu einem kleinen, handlichen Bändchen mit vielleicht 150 oder 200 Seiten – eben ein kleines Lexikon. Das war die ursprüngliche Vorstellung, und sie drängte sich mir regelrecht auf. Attraktiv bebildert und so unterhaltsam geschrieben, dass man darin schmökern könnte. Einfach aufschlagen, blättern und sich festlesen. Diese Idee sprach ich mit meinem Freund und Verleger Matthias Schmidt vom Natur und Tier - Verlag schon im Vorfeld ab, und ich bekam grünes Licht.

       Allerdings musste ich viele Jahre warten, bis in der Zeitschriftenrubrik ein ausreichender Fundus an Definitionen zusammengekommen war. Aber irgendwann war es dann tatsächlich so weit, und ich begann, das vorhandene Material zusammenzustellen – in der Erwartung, dass ein Schnell- und Vielschreiber wie ich das innerhalb einiger Wochen bewerkstelligen würde. Das meiste an Material war ja aus der Zeitschriftenrubrik wohl schon vorhanden. Dachte ich. Das war im Jahr 2008. Inzwischen weiß ich, wie sehr man sich dabei irren kann.


        Zunächst ging es eigentlich nur um Fachbegriffe aus der Biologie und damit zusammenhängenden Bereichen wie Biochemie, Physik, Taxonomie, Systematik und ähnlichem. Dann kamen spezifische Begriffe aus der Meerwasseraquaristik hinzu, z. B. Aquarientechnik, denn die musste ich im Lexikon natürlich auch erläutern. Was ist ein Abschäumer? Wie funktioniert eine Osmoseanlage? Oder ein Vollentsalzer? Was ist eine CITES-Bescheinigung? Was genau sind eigentlich Symbiosealgen? Wie funktioniert Aktivkohle? So weit, so gut.

        Aber dann dachte ich, man müsste eigentlich auch die Tierwelt berücksichtigen. Muss man das? Muss man! Wenigstens die Tierstämme. Also erläuterte ich sie: Was sind Stachelhäuter? Was sind Weichtiere? Nesseltiere? Gliederfüßer? Schwämme? Für jeden der Tierstämme, die aquaristisch eine Rolle spielen und auch im Korallenriff vorkommen, wurde eine ausführliche Einführung geschrieben, anschaulich bebildert.

        Allerdings, dachte ich dann, konsequenterweise müsste man auch auf die taxonomische Ebene eingehen, die unterhalb der Tierstämme liegt. Stachelhäuter des Tierstamms Echinodermata gliedern sich zum Beispiel auf in Seesterne, Seeigel, Seegurken und weitere Klassen. Die kann ich nicht alle in einen Topf werfen und damit die dramatischen Unterschiede in ihrem Körperbau und ihrer Lebensweise unter den Tisch fallen lassen. Die Nesseltiere des Tierstamms Cnidaria spalten sich hier auf in die Klassen Blumentiere (Anthozoa mit allen Korallen), Schirmquallen, Hydratiere und andere. Unmöglich, diese Ebene wegzulassen. Also müsste ich auch die Tierklassen erläutern. Aber dann wäre Schluss, dachte ich, das muss reichen. Gesagt – getan. Für Stachelhäuter, Weichtiere, Nesseltiere, Krebse, Schwämme und alle anderen Gruppen, die mir aquaristische Bedeutung zu haben schienen, schrieb ich die erläuternden Texte für die Tierklassen und bebilderte sie.

        Aber auf der darunter liegenden Ebene ergeben sich gewaltige Anpassungen an bestimmte ökologische Nischen, zumeist geniale Leistungen der Evolution, die sich in körperlichen Verschiedenheiten zeigen. Hier fächern sich die Tierklassen in Ordnungen mit unterschiedlicher Lebensweise auf. Das kann man einem solchen Buch nicht vorenthalten! Bei den Korallenfischen z. B. die Drachenkopfartigen (Scorpaeniformes), die Röhrenmäuler mit Seepferdchen und Seenadeln (Syngnathiformes) und die vielen anderen Ordnungen. Diese systematische Ebene musste auch mit hinein. Und natürlich nicht nur für Korallenfische, sondern für alle Riffbewohner mit aquaristischer Bedeutung, für Schwämme, Weichtiere, Krebse, Nesseltiere und, und, und – ein gewaltiger Zuwachs an Text- und Bildinformation. Aber dann wäre nun wirklich Schluss. Dachte ich.

        Allmählich war ich dann aber mehr und mehr fasziniert von der Idee, die unterschiedlichen Anpassungsleistungen der Evolution auf Familienebene darzustellen, zum Beispiel bei den Korallenfischen: Kaiserfische, Doktorfische, Riffbarsche, Korallenwächter, Lippfische und unendlich viele andere – jede Familie spezialisiert sich auf bestimmte Umgebungsbedingungen und ökologische Nischen, an die sie sich auch körperlich anpasst. Und gerade diese Anpassungen hatten ja dramatischen Einfluss auf die Anforderungen an die Aquarienpflege, sie machten die entscheidenden Unterschiede! Also schlüsselte ich alle aquaristisch relevanten Tiergruppen bis zur Familienebene auf und stellte sie vor, mitsamt ihrere Aquarienpflege. Und gerade bei der Aquarienpflege jeder Familie gab ich richtig Gas und brachte viel aquaristisches Wissen ein – nicht nur bei Korallenfischen wie Doktor-, Falter- oder Kaiserfische, sondern auch bei Weichtieren, Krebstieren und allen anderen aquaristisch relevanten Tiergruppen sollte bei der Beschreibung der Familie Grundlegendes zu ihrer jeweiligen Aquarienpflege zu finden sein. Auch über Aquarienexoten wie Kopffüßer oder Seescheiden sollten die Pflegegrundlagen im Lexikon enthalten sein. Also schrieb und bebilderte ich auch das. Aber damit müsste nun nun endgültig Schluss sein – oder?

        Aber schon allein Tiergruppen wie Seepferdchen oder Clownfische unterminierten diesen Beschränkungsversuch, denn es sind Unterfamilien. Bliebe ich auf Familienebene, könnte ich also nicht einmal die Unterfamilie Hippocampinae mit den Seepferdchen erläutern und vorstellen. Und das ging natürlich gar nicht. Ebenso Clownfische Amphiprioninae, oder die Fahnenbarsche Anthiinae, die eine Unterfamilie der Sägebarsche sind, und viele andere. Also noch einmal eine taxonomische Ebene tiefer gehen und auch die Unterfamilien vorstellen – für alle Tiergruppen. Gesagt – getan.

        Und dann kam ich irgendwann zu der Überzeugung, dass man als Leser eines solchen Lexikons den Anspruch hat, die Tierwelt bis zur Gattungsebene kennenzulernen, mit Vorstellung der wichtigsten Arten. Wenn man schon die aquarienrelevante Tierwelt der Korallenriffe vorstellt, dann eben richtig. Dadurch vervielfachte sich das Arbeitsfeld noch einmal. Aber was sein muss, muss eben sein. Und eigentlich war es ja auch faszinierend, die Anpassungen dieser Tiere auf Gattungsebene zu beschreiben.


       

Überhaupt finde ich Anpassungsleistungen der Evolution ungeheuer spannend. Besonders wenn sie zu einem mutualistischen Miteinander unterschiedlicher Lebensformen führen, die jedem der Beteiligten einen Vorteil bringen. Überall im Riff begegnet man Spezies mit völlig verschiedener Lebensweise, die zueinander eine Beziehung entwickelt haben, z. B. die Symbiosekrabbe in der Steinkoralle, der Seegurken-Armada auf Schwämmen, oder dem bekanntesten und populärsten Beispiel, dem Clownfischpaar in der Wirtsanemone. Dadurch entsteht jeweils eine Gemeinschaft, die mehr ist als die Summe ihrer Teile. Und letzlich sind alle Spezies eines Riffs auf diese Weise direkt oder indikt miteinander vernetzt, bilden so etwas wie einen gewaltigen Gesamtorganismus.

        Komplexe Beziehungsgeflechte bestehen dadurch, und im Riff sind sie überall, wohin man auch schaut. Dazu zählen nicht nur Arten, die sich gegenseitig Nutzen bringen, wie Putzergarnele und Fisch, oder wie Koralle und Symbiosealge. Auch Räuber und Beute zählen dazu, denn sogar diese Beziehung bringt für beide Vorteile, ist sogar für beide lebenswichtig. Nur muss man, um dies zu verstehen, nicht in Individuen denken, sondern in Arten. Die Natur kennt kein Individuum; das Individuum ist eine Erfindung von uns Menschen. Die Natur kennt nur Arten, und genau genommen nicht einmal das, denn die Evolution arbeitet letztlich mit Syngameons, mit vernetzten Gruppen verschiedener Arten, die untereinander im genetischen Austausch stehen.

      Mehr und mehr begann das komplexe Geflecht gegenseitiger Abhängigkeiten, mich zu fesseln. Vor allem, wenn ich an Störungen dieser fein austarierten Gleichgewichte dachte, die im Meerwasseraquarium als Massenvermehrung einer Spezies erlebt werden, gemeinhin als Plage bezeichnet. Glasrosen, Fadenalgen – was entgleist da im Hintergrund? Warum irren wir Menschen, wenn wir die Natur in Gut und Böse einteilen? Spannende Fragen!

        Ansatzweise konnte ich das im Lexikon aufblitzen lassen, aber ich spürte, dass ich das unbedingt weiter entwickeln, die Komplexität der Zusammenhänge und gegenseitigen Abhängigkeiten deutlich machen wollte. Also: Ein anderes Buch musste geschrieben werden. Aber woher die Zeit nehmen? Tagsüber machte ich die Redaktionsarbeit für die Zeitschrift KORALLE. Die Arbeit am Lexikon machte ich die ganzen Jahre hindurch abends, meist bis nachts um ein Uhr, sieben Tage in der Woche. Eine Zeitschrift – ein Periodikum – kann man nicht ohne weiteres unterbrechen. Also musste das Lexikon Pause machen. Ich schrieb und bebilderte das Buch „Trojaner im Meerwasseraquarium“, das nicht nur ungebetene Aquariengäste vorstellen und Ratschläge zu ihrer Bekämpfung geben wollte, sondern auch vermitteln, dass letztlich immer der Eingriff des Menschen das ist, was eine Störung auslöst, was also zu einer Entgleisung des Populationsgefüges führt und letztlich eine Veränderung der Umgebung nach sich zieht. Zum Beispiel durch eine fehlende Räuber/Beute-Balance. Ein Aquarium ist ein künstliches Ökosystem, in dem wir Menschen elementare Bedingungen definieren. Und die Entwicklung der Organismen konfrontiert uns über problematische Massenvermehrungen gnadenlos mit unseren Unzulänglichkeiten. Das hilft uns sehr dabei, die fein austarierten Gleichgewichte eines natürlichen Okosystems einschätzen zu können.

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Das Buch wurde also geschrierben und illustriert, und anschließend ging es sofort wieder an das Lexikon. Das war im Jahr 2009. Es musste schließlich weiter gehen: Tagsüber die Zeitschrift KORALLE, und in der Spätschicht das Lexikon, sieben Tage pro Woche. Aber die Vernetzung aller Arten im Riff ging mir nicht aus dem Kopf. Der Bitte meines Verlegers folgend unterbrach ich meine Lexikon-Spätschichten noch einmal, um ein Kinderbuch über den Lebensraum Korallenriff zu schreiben, mit zahlreichen Fotos, die seine Komplexität darstellen sollten: „Entdecke das Korallenriff“.

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Dann war wieder das Lexikon an der Reihe. Und noch immer kreisten meine Gedanken um die komplexe Vernetzung aller Arten im Korallenriff. Eigentlich war es ja weit mehr als das, denn die Vernetzung betrifft ja auch die Landlebewesen. Und das schließt natürlich auch uns Menschen ein, denn wir sind den selben Gesetzmäßigkeiten unterworfen, vergleichbaren Wirkmechanismen. Die fehlende Räuber/Beute-Balance betrifft ja letztlich auch Homo sapiens. Der Glasrosenplage im Aquarium liegt eine Systemstörung zugrunde, die der Überbevölkerung unseres Planeten durch den Menschen nicht unähnlich ist. Zu jenem Zeitpunkt war der Mensch gerade kurz davor, die Sieben-Milliarden-Grenze zu durchbrechen. Warum werden wir immer mehr? Ist das Teil eines Plans? Gibt es überhaupt einen solchen Plan? Fehlt uns der Räuber, der unsere Populationsdichte kontrolliert? Und falls ja, könnten wir Strategien entwickeln, das Problem zu begrenzen, Strategien, die sich mit unserer menschlichen Ethik vereinbaren lassen – nachdem wir das Individuum erfunden haben? Damit es wenigstens etwas langsamer schlimm wird?

        Meine Gedanken kreisten so intensiv um diese Zusammenhänge, dass ich nicht mehr umhin kam, sie in Form eines Buchs zu entwickeln. „Experiment Mensch“ wählte ich als Titel – weil ich es von der Evolution recht gewagt finde, eine Spezies mit der Fähigkeit auszustatten, ihre Umwelt zu verändern, ihre Feinde zu besiegen und durch Überpopulation und ökologischen Raubbau letztlich sogar das Klima des Planeten zu beeinflussen. Ein sehr ambitioniertes Experiment mit dem Primaten namens Homo sapiens.  

        Heute würde ich es wahrscheinlich anders nennen. Vielleicht „Plage Mensch", oder irgendetwas in der Art. Es erschien im Jahr 2011, und darin stellte ich die Zunahme der Erdbevölkerung dar und die Gründe dafür, die Entstehung von Kulturen, Ethik, Religionen und auch religiosen Fanatismen. Ich prognostizierte 2011 eine dramatische Zunahme islamistischen Terrors und Flüchtlingsströme von Afrika nach Europa, beides Vorgänge, die schon wenige Jahre später Wirklichkeit werden sollten. Ferner stellte ich den über die Jahrhunderte zunehmenden Raubbau an der Natur durch zunehmende Industrialisierung dar, einschließlich des drohenden ökologischen Kollaps, um anschließend Wege aus diesem Dilemma zu diskutieren.

        Idee für das Coverbild war Shakespeares Hamlet-Zitat "Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage". Eigentlich war geplant, nach den Samstags-Probeaufnahmen am folgenden Sonntag ein attraktives weibliches Wesen aufs Cover zu bringen, das in der typischen Hamlet-Pose dem Totenschädel in die Augen sieht. Aber nach langen und anstrengenden Aufnahmen am Samstag beschlossen wir, eines der schon vorhandenen Probenbilder zu verwenden.

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Anschließend ging es natürlich in der Spätschicht sofort wieder ans Lexikon, während tagsüber die Zeitschrift gemacht werden musste. Damit nun wirklich keine Zeit oder Energie mehr in andere Bücher abfließen konnte, beschloss ich, so lange kein anderes Buchprojekt zu beginnen, bis das Lexikon tatsächlich erschienen wäre. Letztlich standen ja auch noch umfassende Korrekturdurchgänge und die grafische Gestaltung bevor.

        In der ursprünglichen Planung war, wie gesagt, ein kleines Bändchen mit rund 150 oder 200 Seiten angedacht, im normalen Buchformat. Inzwischen hatten Matthias Schmidt und ich verstanden, dass eine solche Arbeit ein Großformat verlangte, und die maximale Seitenzahl wurde weit darüber festgelegt, auf 600 Seiten. Im Lauf meiner wiederholten Erweiterungen des inhaltlichen Konzepts wurde dann aber bald klar, dass diese Seitenzahl niemals ausreichen würde. Wir erweiterten also auf 700 Seiten. Dann auf 800 Seiten. Später visierten wir 900 Seiten an, doch damit wurde das geplante Buch nicht nur dicker, sondern auch schwerer. Und teurer. Alles hat seine Grenzen, und als ich mit Matthias über einen Tausendseiter verhandeln wollte, zog er die unverrückbare Grenze bei 936 Seiten – beinhart. (Man wählt so ungerade Seitenzahlen, weil der Buchdruck mit großen Bögen ausgeführt wird, auf denen jeweils eine bestimmte Zahl an Einzelseiten Platz hat, und diese addieren sich dann zu einer solchen Zahl.)

        936 Seiten waren allerdings viel zuwenig für all das, was ich mitteilen und auf Fotos zeigen wollte. Der Inhalt hätte bei größeren Bildern mühelos für einen Fünfzehnhundertseiter gereicht. Aber so etwas war nicht realisierbar. Darum musste ich mich bei der Bebilderung auf das Notwendigste beschränken. Mehr als rund 4.500 Abbildungen durften es also nicht werden.

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Aber trotz dieser Beschränkung erwies sich die Illustration eines solchen Buchs, durchweg von einer Einzelperson neben der alltäglichen Arbeit durchgeführt, als ausgesprochen komplexe und zeitraubende Angelegenheit. Zumal ich dafür mein digitales Bildarchiv bei allen vorgestellten Tiergruppen noch weitaus sorgfältiger strukturieren musste, nach der wissenschaftlichen Systematik, was ebenfalls enorm viel Zeit verschlang. Das bedeutete nicht nur, mit einer sechsstelligen Zahl an Einzelfotos umzugehen, sondern auch, unzählige Tiere bis zu Gattungs- oder sogar Artebene zu bestimmen und dafür in der Archivierungssoftware auch hochkomplexe Verzeichnisstrukturen zu erstellen. Man muss förmlich einige Jahre lang für ein solches Projekt leben, anders ist es nicht zu bewältigen.

        Seltene Arten, die meinem Archiv fehlten, wählte ich in Form mehrerer hundert Bilder aus dem Fundus von Ellen Thaler, einer befreundeten Ethologieprofessorin, deren Bildarchiv meinem angegliedert wurde. Zusätzlich erhielt ich mehrere Hundert Fotos seltener Arten von dem belgischen Conchologen Guido Poppe und seinem Sohn Philippe, die auf den Philippinen ihr Institut „Conchology“ betreiben und als Nebenprodukt ihrer Arbeit ein gigantisches Bildarchiv mit mehr als 70.000 Unterwasserfotos aufgebaut haben.

        Nach einem gewaltigen Marathon mit mehreren Korrekturdurchgängen, bewältigt durch den NTV-Verlagslektor Kriton Kunz, meine damalige KORALLE-Redakteurin Inken Krause und mich als Autor, kam der Grafiker Michael Kolmogortsev an die Reihe. Auch für ihn war es ein Mammutprojekt, und wir brauchten einen sehr kurzen Draht, um uns mehrfach täglich in irgendwelchen Details abzustimmen. Allerdings hatte Michael zuvor schon viele meiner Bücher gestaltet, so dass wir schon ausreichend Gelegenheit gehabt hatten, unsere Arbeitsweisen sehr weitgehend zu synchronisieren. Aber mehr als 900 großformatige und bildreiche Seiten wollen gestaltet werden, und das braucht einen langen Atem.

        Anschließend kam die Druckphase, und auch dabei legte man sich in Ungarn so sehr ins Zeug, dass dieses Lexikon noch im selben Jahr in dem landesweiten Druckereien-Wettbewerb „Pro Typographia“ für das Jahr 2013 in der Kategorie „Farbige Hardcoverbücher„ den ersten Preis erhielt: Gold!

        Als schließlich NTV-Verleger Matthias Schmidt persönlich nach Sinsheim anreiste, um mir schwere Kisten mit den Belegexemplaren des fertigen „Lexikon der Meeresaquaristik“ zu bringen, war das Grund für mich, die Champagnerflasche zu öffnen, die mir meine Tochter Melanie schon Jahre zuvor geschenkt hatte, für einen wirklich ganz besonderen Anlass: Ein „Dom Perinon“ Jahrgang 1996 – Kenner wissen, was das ist.

Book signing
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Aber, ehrlich gesagt, so ganz ist mir noch immer nicht klar, wie man  auf die seltsame Idee kommen kann, ein Lexikon zu schreiben. Doch ich würde es wieder tun...

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